Trentino: Eine autonome Region in Italien

Der Sonderautonomie-Status des Trentino (und des benachbarten Südtirols, mit dem das Trentino zusammen die Autonome Region Trentino-Südtirol bildet) entstand in der Nachkriegszeit mit dem am 5. September 1946 von dem damaligen italienischen Ministerratspräsidenten und Außenminister Alcide De Gasperi und dem österreichischen Außenminister Karl Gruber in Paris unterzeichneten italienisch-österreichischen Friedensabkommen

Das erste von der italienischen verfassungsgebenden Versammlung genehmigte Autonomie-Statut wurde am 26. Februar 1948 mit dem Verfassungsgesetz Nr. 5 erlassen. Es entstand auch aufgrund des von der Bevölkerung ausgeübten Drucks und gewährte den italienisch und deutschsprachigen Bürgern gleiche Rechte und dem Trentino und Südtirol eine weitgehende legislative und exekutive Selbständigkeit. Dieses erste Autonomie-Statut wurde dann im Jahr 1972 aktualisiert.

Der vom Autonomiestatut anerkannte rechtliche Status gestattet es der Autonomen Provinz Trento, in allen wesentlichen Bereichen legislative, administrative und finanzielle Kompetenzen direkt wahrzunehmen: von der Schule über das Gesundheitswesen und die öffentlichen Arbeiten bis hin zu Sozialpolitik sowie Förderung von Unternehmen und Universitäten.

Die entsprechenden Gelder werden lokal erhoben und entsprechen circa 70 Prozent der Gesamtsteuereinnahmen des Trentino. Mit diesen Geldern verwaltet die Region Trentino ihre Kompetenzen, d.h. praktisch alles, was andernorts vom italienischen Staat beschlossen und verwaltet wird.

 

Autonomie heute: Antriebskraft der regionalen Entwicklung

Die Autonomie ist ein bedeutender Aspekt der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft dieser Region. Sie ist zugleich Chance und Verantwortung. Dank der Autonomie ist eine ehemals arme Region mit einer hohen Zahl an Auswanderern zu einem Land geworden, das in Bezug auf Lebensqualität und staatliche Leistungen, vom Transportwesen über das Gesundheitswesen bis zum Bildungswesen, zu den wohlhabenden Regionen Italiens und Europas zählt.

Die Tatsache, dass die Autonome Provinz Trento ihre Steuereinnahmen selbst verwalten kann, gestattet es ihr, unter anderem, strategische Investitionspläne für Infrastrukturen, Energie, unternehmerische Forschung und Entwicklung in innovativen Branchen zu finanzieren wie beispielsweise die „green economy“.

 

Die Wurzeln der Autonomie

Das Pariser Abkommen findet seine Wurzeln in der gemeinsamen Geschichte zweier Gebiete, die nahe an der Brenner-Grenze liegen und von jeher auch ein Bindeglied zwischen lateinischer und germanischer Welt bilden, sowie in den lokalen Autonomie-Traditionen und in der Entscheidung, die Herausforderungen des Zusammenlebens unterschiedlicher Sprachgruppen unter Wahrung der jeweiligen kulturellen und sprachlichen Identität friedlich zu lösen. Der Anfang findet sich bereits in dem besonderen Status, den dieses Gebiet schon im Mittelalter innehatte: Das Trentino wurde im Jahr 1027 zum Fürstbischofstum und unterstand somit dem Kaiser, besaß jedoch auch eigene politisch-administrative Kompetenzen. Dieser Zustand hielt an bis zum Jahr 1813, als der Wiener Kongress das Trentino dem Österreich-Ungarischen Kaiserreich zusprach. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte der nie erhörte Ruf der trentiner Bevölkerung nach höherer Autonomie zur Entstehung der irredentistischen Bewegung.

Nach der Niederlage des habsburgischen Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs, wurden die Gebiete Trentino und Südtirol mit dem Vertrag von Saint Germain dem italienischen Königreich zugeteilt.

 

Alcide De Gasperi: ein Sohn des Trentino von internationalem Format

Das Pariser Abkommen wurde im Jahr 1946 vom bedeutendsten Staatsmann unterzeichnet, den das Trentino jemals hervorgebracht hat: Alcide De Gasperi, damals italienischer Ministerratspräsident und Außenminister. Er wurde 1881 in Pieve Tesino geboren und im Jahr 1911 zum jüngsten Abgeordneten in das Wiener Parlament gewählt. Zwischen 1945 und 1953 war er mehrmals Mitglied der italienischen Regierung. Als überzeugter Verfechter der Einigung Europas arbeitete er im engen Kontakt mit Adenauer und Schumann an der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), zu deren Präsident er gewählt wurde. Er starb in Sella Valsugana am 19. August 1954.

 

Schutz der Sprachminderheiten

Gerade der jahrhundertelange Kontakt zwischen unterschiedlichen Völkern war der Ausgangspunkt dafür, dass die Grundlagen der Autonomie in Respekt und Geltendmachung der Minderheiten dieses Gebiets zu suchen sind. Das heißt für das Trentino die Ladiner im Val di Fassa und die kleinen deutschsprachigen Gemeinschaften der Bernstoler im Val die Mocheni und der Zimbern auf der Hochebene von Luserna. Gemäß der letzten Volkszählung gibt es im Val di Fassa wenig mehr als 7.500 Ladiner die aber über 82 Prozent der lokalen Bevölkerung ausmachen. Dazu kommen weitere 9.000, die in anderen Gemeinden der Provinz leben. Die ersten Familien deutschsprachiger Siedler ließen sich im 13. Jahrhundert im oberen Val die Mocheni nieder. Von diesen stammen die Bernstoler ab, über zweitausend Personen, die noch eine bairische Sprache sprechen, die auf das mittlere und hohe Mittelalter zurückgeht.

Die letzte Sprachinsel, wo noch zimbrisch gesprochen wird, ebenfalls ein altertümliches bairisches Idiom, ist Luserna, ein kleines Dorf in 1.333 Meter Höhe. Die ersten Siedler erreichten die Hochebene von Folgaria und Lavarone zu Beginn des 13. Jahrhunderts und verlagerten sich später nach Luserna. Heute gibt es noch etwas weniger als 900 Zimbern im ganzen Trentino.

 

Die europäische Alpenregion Tirol-Südtirol-Trentino

Die Freundschaft zwischen diesen Gebieten, von denen sich heute zwei in Italien und eines in Österreich befinden, beruht auf gemeinsamen historischen Wurzeln und hat schon in den 1990er Jahren Anlass zu dieser bedeutenden, grenzübergreifenden Zusammenarbeit gegeben. Im Juni 2011 haben die Präsidenten der Autonomen Provinzen Trento und Bolzano und der Hauptmann des Landes Tirol in Castel Thun das Abkommen und das Statut des EVTZ (Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit) unterzeichnet, ein von der Europäischen Union ins Leben gerufenes Gremium für grenzübergreifende Zusammenarbeit rings um den Brenner. Zu den zahlreichen Gebieten, in denen gemeinsame Initiativen gefördert werden, gehören Energie, Umwelt, Gesundheitswesen, Forschung und Bildung, Arbeit, Sozial- und Jugendpolitik, Tourismus, Landwirtschaft, Kulturpolitik, Mobilität und Verkehr.