Die Klänge der Dolomiten im Winter

Die Musik der schneebedeckten Wälder

Wenn eine Schneedecke Berggipfel und -hänge bedeckt und Touristen auf die Skipisten strömen, werden die Dolomiten zum Reich der Stille. Dies ist der ideale Zeitpunkt, um zu lauschen.

Die Klänge der Dolomiten im Winter sind der Gesang der Vogelarten, die nicht nach Süden ziehen: Das scharfe Zwitschern des Schneesperlings, der das ganze Jahr über im Hochgebirge lebt und große Schwärme bildet, der heisere Ruf des Männchen des Rebhuhns in den Paarungsmonaten, der schrille Schrei des Adlers, der gerade am Ende des Winters in der Luft Paarungsrituale durchführt, um die Paarbindung zu stärken.

Aber auch in den Dörfern in der Talsohle haben die Wintergeräusche etwas Charakteristisches: Wenn man durch die stillen Straßen spaziert, hört man eine Symphonie aus dem kreischenden Scharren der Schaufeln auf der Straße, die den Schnee nur schwer bewegen können, dem energischen Geräusch der Äxte, die Holz für das Kaminfeuer spalten, dem gleichmäßigen Schlagen des Rades der alten Mühle, dem rhythmischen Ticken der Tropfen, die langsam aus dem Brunnen fließen.

Was hört man in den Wäldern der Dolomiten im Winter?

"Wasser ändert sich auch im Winter: Anstelle dessommerlichen Rauschens des Baches im Talboden tritt ein langsames und träges Schwappen"

Ja, denn auch das Wasser verwandelt sich im Winter: Anstelle dessommerlichen Rauschens des Baches im Talboden tritt ein langsames und träges Schwappen, während eine irreale Stille das Brausen der Wasserfälle ersetzt. Die kleineren Ströme trocknen aus oder frieren ganz ein, die größeren „schlafen“ nie, da die schnelle Strömung das Wasser nicht in Eis verwandeln lässt.

Ähnlich ergeht es den Seen: Im Hochgebirge werden sie zu stummen, dicken Oberflächen, während sie im Tal weiter flüssig sind und manchmal sogar gurgeln. Der Schnee, der nicht nur dem Winter seine weiße Färbung verleiht, ist auch an der Entstehung von Wintergeräuschen beteiligt: Leicht ist das dumpfe Geräusch, wenn er von den Zweigen im Wald abfällt, von dramatischer Gewalt das Gedonner, wenn die Berghänge sich entblößen und eine Lawine abrutscht.

Das vielleicht lieblichste Geräusch des Winters in den Dolomiten ist jedoch das rhythmische Knirschen unserer Schritte, die im Schnee einbrechen, unterbrochen vom langsamen Schnaufen auf einem Morgenspaziergang im Hochgebirge. Alles andere ist Stille.

Veröffentlicht am 14/11/2019