Mirco Dezulian

Aus der Berge gleicher Materie

„Als Bergmensch hat man immer Lust, in den Bergen zu sein. Genauso wie jemand, der am Meer lebt, sich nach dem Meer sehnt, das Meer mag und daher Fischer wird: Das ist dasselbe, für mich war es immer so. Und ich war Bergführer und Berghüter”.

Mirco Dezulian ist in Vermiglio aufgewachsen und lebt dort, der letzten Gemeinde des Val di Sole, an der Grenze zur Lombardei. „Ich bin in meinem Ort verwurzelt und könnte niemals woanders leben, denn genau hier fühle ich mich wohl. Ich mag die Umgebung an sich, die umliegenden Bergkuppen gefallen mir wahnsinnig”.

Für einen Bergführer ist das ein idealer Ort, man ist nur einen Katzensprung vom Adamello, Cevedale, Brenta entfernt und in nur knapp einer Stunde in Arco. Es ist ein strategischer Punkt.

Geschichten aus dem Trentino: Mirco Dezulian

Der Bergführer

Mirco ist nicht nur freiwilliger Bergretter sondern auch einer der etwa 200 Bergführer des Trentino. „Bergrettung ist Teil einer Kultur. Man macht es, wenn man in den Bergen, in jenem kleinen Ort geboren ist, wo es Bergrettung und eine Bergwachtstation gibt… als kleiner Junge sieht man die Männer in den Uniformen, verliebt sich in genau das und wächst damit auf”.

Am 14. August 1984, dieses Datum wird er nie vergessen, bittet der 11 jährige Mirco seinen Vater, ihn auf die Presanella zu bringen: „Wir hatten damals einen Bergführer genommen, um sicher hinauf zu kommen – erklärt Mirco – und seit jenem Tag wollte ich Bergführer werden”.

„Ich wusste nicht, was es bedeutete, Bergführer zu sein, aber dieses Der Berg ruft! wie die Deutschen sagen, spürte ich damals schon, es war in meinem Herzen”.

Vor allem bin ich ein Bergmensch

„Viel mehr noch als Bergführer bin ich ein Bergmensch. Weil ich gerne Holz im Wald schneide und es nicht einmal geschenkt haben wollen würde. Das mag ein Bergmensch, diesen Harzgeruch auf den Händen und während man es schneidet, denkt man an den Winter, in dem es einen wärmt. Ich bin als Bergmensch geboren”.

In den Bergen leben, ist eine Frage der Berufung. Wenn man sie vor allem selbst nicht mag, ist es schwierig in den Bergen. Denn wenn der Reisende wieder heimkehrt, bleibt man dort, wo vielleicht fast niemand mehr wohnt, wo es vielleicht Tage lang regnet und man sich mit der Einsamkeit abfinden muss. Von Juni bis September leben Mirco und seine Frau in einer Berghütte, die Eigentum der Società degli Alpinisti Tridentini (Alpiner Verein von Trentino – S.A.T.) -  - Sektion Club Alpino Italiano (Alpiner Verein Italiens) ist.

Die Einsamkeit der Berge

„Und wenn man oben ist und Schnee liegt, keinen Fernseher hat – erzählt Mirco – mit niemandem redet, weil man entweder allein hinauf gegangen ist oder vielleicht weil die Saison dem Ende zu geht und man kein Personal mehr hat und auch die Frau ins Tal gegangen ist, dann ist man dort allein. Absolut allein”. Aber wenn das das Leben ist, das man möchte, hält man durch und diese Art von Einsamkeit mag man.

 

Geschichten aus dem Trentino: Mirco Dezulian

Die Berge bedeuten Mühsal, Schweiß, ein Herz, das schlägt, Augen, die sich mit Ausblicken füllen und schließlich die Eroberung des Gipfels. Das sind für Mirco die Berge. Die Möglichkeit, Menschen zu helfen, etwas zu vollbringen, was sie alleine nie erlebt hätten. „Oft sieht man Tränen der Rührung und des Glücks in den Augen dieser Menschen, sobald sie zum Gipfel gelangen. Da spürt man, etwas getan zu haben. Man hat Menschen dazu verholfen, etwas zu erreichen, was sie allein nie geschafft hätten”.

Doch um wirklich zu verstehen, was „Bergmensch” für Mirco bedeutet, muss man ihn treffen, ihn sprechen hören und die Freude, Beschwingtheit und Demut in seinem Blick ablesen, die Gabe, einen aufrichtigen Kontakt herzustellen und die Heiterkeit, die er ausstrahlen kann, in ihm erkennen.

Er mag Eis und Skitourengehen. Mit seinen 49 Jahren war er in allen fünf Kontinenten klettern und hat 2004 auch den Cerro Torre in Patagonien erklommen, einem der anspruchvollsten Berge der Welt: „Diese in den Himmel ragende Spitze, die den Winden des Atlantiks, Pazifiks und der Antarktis preisgegeben ist!”, doch Mirco liegt nichts daran, von seinen Sportabenteuern zu erzählen, auf die er sich, insbesondere in jungen Jahren, ebenso couragiert, wie leichtsinnig eingelassen hat. 

Mirco erzählt von der Verantwortung für eine Gruppe, vielleicht sogar eine Gruppe von Kindern, mit denen er den Himmel beobachtet und entscheidet, ob sie weitergehen oder anhalten sollen, und von der Erfahrung, die einem hilft, Gefahren für sich und andere zu vermeiden.  „Klarerweise gibt es Situationen, an denen man ganz besonders wächst. Ich glaube, dass sich alle, die auf dem Berg ein bestimmtes Niveau erreicht haben, in Situationen befunden haben, aus denen sie das gelernt haben, was sie später bei ihren Kunden umsetzen können, um ihnen mehr Sicherheit zu geben und immer die Lage unter Kontrolle zu haben”.

Der Hüttenwart

„Zuerst war ich Maurer und Fliesenleger. Bis zu meinem 26. Lebensjahr, bis ich die Berghütte SAT Stavel “Francesco Denza 2001-2002 renoviert habe. Ich bin als Maurer hergekommen, war aber gut vorbereitet, hatte alle Papiere und war auch in das REC (Register der Handelstreibenden) eingetragen”.

Die Hütte war bereits von Mircos Großvater errichtet worden, der in den 1970er Jahren Maurer war. Dort hatten bereits eine Tante und seine Mutter gearbeitet und „daher sagte mir meine Mutter immer, versuche, sie eines Tages zu bekommen, da sie meine Begeisterung sah”. „Ich erinnere mich, dass ich mir nach der Arbeit die Hände im Wasserbehälter des Betonmischers wusch, mich umzog und zu den Abendkursen für das REC lief. Es wurde ein Maurer für die Leitung des Teams gesucht, das oben arbeitete; da ging ich hin und sah, dass es mir gefiel”.

Er heiratete Erika, eine Psychologin, die allerdings viel Erfahrung hatte, weil ihr Vater bereits die Hütte Capanna Presena führte. Er macht ihr den Vorschlag des Denza und Erika sagt ja.” Wir waren jung, frisch verheiratet, ich 26 Jahre alt und sie noch jünger”. Erika arbeitet auch jetzt noch ab und zu mit Skilehrern und Bergführern als Psychologin, denn sie hat einen Sportbereich gewählt, in dem sie ihnen bei der Stressbewältigung zur Seite steht. „Im Sommer hingegen ist sie mit mir dort oben, wir sind drei bis dreieinhalb Monate oben, es gefällt uns, es sind jetzt schon mehr als 20 Jahre. Wir werden erst aufhören, wenn es uns nicht mehr gefällt und die SAT es uns gewährt”.

Mirco spielt auf der Hütte Akkordeon, Gitarre mit Mundharmonika, trägt das Brot hinauf und hinunter, zieht die Seilbahn, verwandelt sich wie ein Archimedes in einen Installateur, Fliesenleger, Tischler, Vertrauten. Erika kümmert sich um den Rest, die Details, die das Herzstück der Hüttenaufsicht sind. Denn vor allem wenn es blitzt, stürmt und kalt ist, ist die Hütte ein schützender Ort. In diesen Momenten fühlt sich Mirco als Hüttenwart, als Hüter seines Bergkessels, der Arena di Stavel, und seiner Wanderer.

Mirco, was sind für dich die Berge?

„Das Leben”.

 

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Veröffentlicht am 19/07/2023