Adam, der effektive Climber

Polychrome Felswand, Massone

Wenn sie mich fragen, ob ich der beste Kletterer der Welt bin, sage ich nein, das bin ich nicht. Ich glaube, ich bin der effektivste, wenn man das so sagen kann. Diese Effektivität beruht nur zum Teil auf der körperlichen Vorbereitung. Entscheidend sind der psychische Zustand, die gesetzten Ziele, die zu überwindenden Grenzen und meine Fähigkeit, nach einer Niederlage weiterzumachen. Dies habe ich alleine gelernt, nach vielen Stürzen. Meine Eltern waren sehr wichtig, sie vererbten mir die Leidenschaft für das Klettern und von Anfang an hatte ich immer ihre volle Unterstützung. Sie haben jedoch nie Trainingspläne oder Ähnliches aufgezwungen. Ich war schon immer mein eigener Coach. Höchstens habe ich die Übungen mit meinen Freunden geteilt. Vielleicht ist diese Methode ungewöhnlich und sicherlich war ich als Kind nicht wie die anderen, aber in meinem Fall hat es funktioniert. Irgendwie wird man durch die Eigenverantwortung für diesen Aspekt verantwortungsbewusst, reif und, wenn es soweit ist, hilft es bei der Wahl der Ziele, die natürlich hoch angesetzt werden müssen, an der Grenze der eigenen Möglichkeiten, aber zugleich realistisch. Die Aufgabe besteht darin, mit seinen eigenen Herausforderungen zu wachsen.

Dolomitengeschichten: Adam Ondra, der Kletter-Champion

"Die Aufgabe besteht darin, mit seinen eigenen Herausforderungen zu wachsen."

Jetzt reise ich von Wettbewerb zu Kletterprojekt um die Welt, komme jedoch gerne oft hierher zurück, an den Gardasee, wo ich als Kind klettern ging und so viele Befriedigungen für meine Karriere erlebt habe. In 20 Jahren hat sich die Situation stark verändert. Ich erinnere mich, dass Massone Ende der 90er Jahre unglaublich war, eine der wenigen wirklich überhängenden Felsenwände, die extrem schwierige und athletische Bewegungen bot. Leider gab es nur wenige Routen und mit der zunehmenden Zahl der Climber wurden sie innerhalb kürzester Zeit schmutzig und es kam zu einem Rückgang. Einige meiner tschechischen Freunde kamen sogar überhaupt nicht mehr. Nun hat sich die Situation geändert: Das Valle del Sarca (Sarca-Tal) durchläuft eine zweite Blüte. Viele neue Kletterwände wurden eröffnet, wie z. B. in Padaro. Hier sind auch niedrige Schwierigkeitsgrade zu finden, für Anfänger geeignet, die dort klettern wollen, wo es auch wirklich harte, schwierige Routen ab 9a gibt. Auch der Stil ist anders. Jetzt möchte man modernere Linien, die körperlich herausfordernd sind. Traditionellen Routen werden spektakuläre Passagen auf senkrechten Säulen oder Stalaktiten vorgezogen.

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"Wenn ich heute meine Hände auf den Felsen lege kann ich mich genauso begeistern wie damals, als ich ein Kind war"

Wenn ich heute meine Hände auf den Felsen lege, obwohl die Schwierigkeitsgrade unterschiedlich sind, kann ich mich genauso begeistern wie damals, als ich ein Kind war. Ich denke, das Geheimnis ist einfach: Ich tue das, was ich mache, gern und – wenn ich ehrlich sein darf – klettere ich auch gerne niedrige Schwierigkeitsgrade, weil ich es liebe, mich auf dem Felsen zu bewegen, abgesehen von allem anderen. Ich weiß, dass ich ständig neue Anreize brauche und klettern hilft mir in diesem Sinne, denn jede Route, auch jeder einzelne Handgriff, ist etwas Einzigartiges und noch nie Dagewesenes.

Autor: Alessandro Cristofoletti

Veröffentlicht am 27/09/2019